Ein General kämpft seinen schwersten Kampf

Ein General kämpft seinen schwersten Kampf

Dienstag, Januar 8th, 2019


Von Andrea Kiewel, Aleh Negev

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Doron Almog mit seinem Sohn Eran, der vor elf Jahren im Alter von 23 Jahren starb.

Doron Almog hatte Großes vor mit seinem Sohn.
Doch Eran kam schwer krank zur Welt. Sein Vater kämpfte für ihn die
größte aller Schlachten – und gewann. Heute ist der Ort, den Almog für
Eran schuf, Zuhause für mehr als 100 Menschen.

„Wenn wir uns mit unseren Mobiltelefonen Fotos zeigen,
dann sind es zumeist die Bilder unserer Kinder“, sagt Doron Almog. Der
Ex-General ist der Gründer von Aleh Negev,
einem Ort in Israel, an dem Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit
schwersten geistigen Einschränkungen ein würdevolles Zuhause mit der
bestmöglichen Betreuung haben. „Als mein Sohn Eran zur Welt kam, gaben
wir ihm den Namen meines Bruders, der im Krieg tödlich verwundet wurde.
Wir gaben Eran diesen Namen, weil wir voller Hoffnung waren. Kinder sind
unser ganzer Stolz. Wir übertragen auf sie all unsere Träume und
Wünsche. Stark sollen sie werden, mutig und klug. Es soll ihnen
gelingen, was uns nicht gelang.“

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In dem Dorf ist alles behindertengerecht gebaut. (Foto: Aleh.org)

Doron Almog schaut zu Boden. Auch heute noch, elf Jahre nachdem sein Sohn im Alter von 23 Jahren starb, hat er sich kein dickes Fell zugelegt. Wie könnte er auch? Als die Ärzte seiner Frau Didi und ihm 1984 sagten, dass nichts mit ihrem Baby in Ordnung ist, dass Eran niemals Ima we Abba (hebräisch Mama und Papa) sagen wird, er weder allein laufen noch essen oder sich anziehen kann, fielen Didi und Doron Almog in das tiefste aller tiefen Löcher. Denn gleichzeitig zu der schockierenden Nachricht, dass ihr Sohn schwere geistige Erkrankungen hat, kam die Sorge: Was wird aus Eran, wenn wir mal nicht mehr sind?

Die Suche nach einem schönen Platz für seinen Sohn Eran änderte das Leben Doron Almogs dramatisch. „Wir sahen Heime für Kinder mit geistigen Einschränkungen, für die es keine Worte gibt. Stinkig, dunkel, würdelos. Die Sozialarbeiter waren nicht stolz. Sie arbeiteten nicht für Facebook, Coca Cola oder ein erfolgreiches Start-Up-Unternehmen. Sie betreuten geistig behinderte Menschen. Ihre Arbeit war ihnen peinlich. Die Heime waren namenlose, dunkle Verstecke für Kinder, die keiner wollte, für die sich deren Eltern schämten.“ Am traurigsten aber war für Didi und Doron Almog die Angst der Kinder dort. Verängstigt schauten sie auf die Erwachsenen, die nicht ihre Eltern waren. Verängstigt schauten sie in eine Welt, die sie nicht verstanden. „Mein Bruder Eran lag eine Woche blutend auf dem Schlachtfeld, bevor er gefunden wurde. Er starb jämmerlich. Ich schwor meinem Sohn Eran, dass ich ihn niemals hilflos zurücklassen würde.“

25 Hektar voller Liebe

Doron Almog gründete Aleh Negev, ein kleines Dorf im Süden Israels. Hier beginnt die Negev-Wüste. Die Großstadt Be’er Sheva ist 26 Kilometer entfernt. Aleh Negev – das sind 25 Hektar voller Liebe, Geduld und Aufmerksamkeit. Es gibt einen öffentlichen Kindergarten, weil schon die jüngsten Mitglieder der Gesellschaft lernen sollen, keine Scheu vor Menschen mit Handicaps zu haben. Doron Almog ist überzeugt: „Eine Gesellschaft ist genau so stark wie ihr schwächstes Mitglied. Hier in Aleh Negev treffen alle aufeinander: Menschen, die einen Autounfall hatten und wieder laufen lernen müssen, Genesende nach einem Schlaganfall, Soldaten, die verletzt wurden und orthopädische Therapien bekommen, Kinder, die ihr ganzes Leben lang auf Hilfe angewiesen sind.“ Es gibt ein großes Schwimmbecken, gut ausgebildete Ärzte, Krankenschwestern, Pfleger und Therapeuten. Es gibt einen Streichelzoo mit Ziegen und Pferden, es gibt eine eigene Gärtnerei, in der Frauen und Männer arbeiten, die sonst nirgendwo einen Job finden würden, weil sie geistig eingeschränkt sind.

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Amelie und Clarissa (v.l.) leisten hier ihren Freiwilligendienst. (Foto: Andrea Kiewel)

Und dann gibt es junge Mädchen wie Amelie und Clarissa, 19 und 18 Jahre alt. Abiturientinnen aus Deutschland, die hier in Aleh Negev ein freiwilliges soziales Jahr leisten. Beide waren schon als Kinder aktive Mitglieder der Kirche, Amelie als Pfadfinderin, Clarissa besuchte eine evangelische Schule und diverse Veranstaltungen der Kirche. Amelie und Clarissa sind zwei von 200 Volunteers, Freiwillige, die sich hingebungsvoll um all die Menschen in Aleh Negev kümmern. „Die Frühschicht beginnt um 7 Uhr. Wir kümmern uns um genau einen Patienten. Wir füttern ihn, wir sprechen mit ihm, wir schenken ihm Aufmerksamkeit, wir sind einfach für ihn da. Er ist nicht allein“, erzählen die beiden Mädchen, als sei es das Normalste der Welt.

Dabei hatte Clarissa, unmittelbar nachdem sie entschieden hatte, mit dem „Freiwilligen Ökumenischen Friedensdienst“ für ein Jahr nach Israel zu gehen, ihren Freund kennengelernt. Er ist die erste große Liebe in ihrem Leben. Natürlich ist die Sehnsucht groß, denn eine Sprachnachricht ist einfach nicht das Gleiche wie zusammen ins Kino zu gehen. Aber deswegen Aleh Negev absagen, kam für Clarissa nicht infrage: „Ich komme hier nicht nur an meine Grenzen, ich muss über sie hinausgehen. Aber dann ist da dieser eine Augenblick. Der Patient, den ich seit zwei Monaten betreue und der bisher stets schweigt, gibt ein leises Glucksen von sich, wenn ich ihn streichle. Er erkennt mich. Das ist jede Mühe wert.“

Niemand ist vor Schicksalsschlägen gefeit

Die Mädchen wohnen im drei Kilometer entfernten Nachbarort. Sie sind in Viererzimmern untergebracht, teilen sich ein Bad. Luxus sieht anders aus, aber deswegen sind sie ja nicht hier, auch wenn sie 100 Euro als monatliches Taschengeld bekommen. Amelie sucht nach einer Begründung: „Es war für mich immer klar, dass ich nach der Schule, bevor ich anfange zu studieren, ein freiwilliges soziales Jahr mache. Work and Travel hat mich nicht interessiert. Ich habe schon bei den Pfadfindern gelernt, Verantwortung zu übernehmen. Ich kann im Moment noch nicht sagen, was mein Jahr hier in Aleh Negev mit mir machen wird. Aber die Tatsache, dass keiner von uns vor schlimmen Schicksalsschlägen gefeit ist, dass man jederzeit auf Hilfe anderer angewiesen sein kann, ist schon sehr in meinem Bewusstsein.“ Hin und wieder wünschen sie sich, selbst über ihre Zeit bestimmen zu können. Etwas Privatheit zu haben. Aber genau dann blinzelt einer der Patienten, um die sich Amelie und Clarissa kümmern.

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Doron und Eran beim Radfahr-Versuch: „Ich schwor meinem Sohn Eran, dass ich ihn niemals hilflos zurücklassen würde.“ (Foto: aleh.org)

Doron Almog versteht sich selbst als Volunteer. Er ist sieben Tage die Woche 24 Stunden für Aleh Negev erreichbar – freiwillig und unentgeltlich. Er gründete Aleh Negev einst, um sicherzugehen, dass sein Sohn Eran immer ein gutes Zuhause haben wird. Inzwischen ist daraus ein Ort für 140 Menschen geworden, die hier fest leben. Männer und Frauen, die kaum etwas allein machen können. Kinder, die immer eine helfende Hand brauchen. Oder besser zwei. Und Schutz. 24 Stunden am Tag. Jeden Tag. So lange sie leben.

Kerzengerade steht Almog. Sein Gang ist aufrecht. Energisch. Er weiß genau, was er will. Stets war er derjenige, der die Befehle gab, der entschied, was zu tun ist. Bis sein Sohn Eran in sein Leben trat: „Eran hat nie mit mir gesprochen. Er konnte es nicht. Seine Augen sagten alles. Papa, du warst in Entebbe und hast 150 Geiseln befreit, das ist großartig. Aber die waren nur eine Woche gefangen. Ich bin es ein ganzes Leben lang.“ Doron Almog ist sich sicher, dass sein Sohn stets anwesend ist in Aleh Negev. Nicht körperlich. Aber seine Seele schwingt durch all die lichten, freundliche Räume. Sie lacht. Sie ist glücklich. Das weiß Doron Almog, auch wenn es sein Sohn Eran nie zeigen konnte. „Möge Eran in Frieden ruhen. Er ist mein geliebter Sohn, mein Engel, mein besonderer Spirit. Er machte mich zu einem besseren Vater. Er machte mich zu einem besseren Menschen.“

Quelle: n-tv.de