Wenn man keine Worte braucht

Wenn man keine Worte braucht

Mittwoch 27. September 2017


Mit meinem ersten Uniabschluss in der Tasche und mit der Aussicht auf 6 Wochen Ferien entschied ich mich für einen Freiwilligendienst bei Aleh Negev. Ohne großartig darüber nachzudenken saß ich im Handumdrehen im Flieger nach Tel Aviv und im Zug nach Ofakim, wo ich von Mitfreiwilligen, Kollegen und den Vermietern des Freiwilligenhauses sofort herzlich aufgenommen wurde.

Jeden Morgen beginnen wir um 7:15 Uhr die Arbeit. Nach und nach werden die Bewohnerinnen des Hauses Zohar, dem ich zugeteilt bin, wach. Jede begrüßt mich auf eine andere Art und Weise. Einige freuen sich auf eine Umarmung oder auf ihr liebstes Spielzeug, andere nehmen ihre Schuhe in die Hand oder reichen mir ihr Haargummi, womit klar wird, was ich als nächstes zu tun habe.

Nach dem Frühstück geht es für die meisten Bewohnerinnen in die Tasuka, eine Tagesstätte, in dem Produkte zum Verkauf hergestellten werden oder wo die Bewohner Dinge unternehmen können. Nach dem Mittagessen endet mein Arbeitstag. Obwohl die Routine jeden Tag ähnlich ist, sind es die kleinen Dinge, die jeden Tag zu etwas Besonderem machen. Zum Beispiel ist eine der Bewohnerinnen oft nervös. Sobald ich sie an die Hand nehme, um auf den Hof zu geben, weiß sie, was ich vorhabe: Auf einmal rennt sie los und bleibt vor der Wiegeschaukel stehen, auf der wir gerne in Ruhe zusammensitzen, es braucht keine Worte. Keine Worte können beschreiben, wie die Bewohner ihre Dankbarkeit ausdrücken. In eben solchen Momenten, mit einem Lächeln, Küssen oder Umarmungen.

Neben der Arbeit bleibt viel Zeit um die unglaubliche Vielseitigkeit Israels kennenzulernen. Hierbei kommt man immer wieder mit Einheimischen in Kontakt, die stets mit Begeisterung reagieren, wenn sie den Grund meiner Reise nach Israel erfahren. An einem Nachmittag fuhr ich mit dem Reisebus an das Tote Meer und wurde sofort in das Gespräch der beiden einzigen anderen Mitfahrern und dem Busfahrer einbezogen. Der eine Mitfahrer übersetzt für mich den Kommentar der anderen Mitfahrerin, die selbst lange Zeit mit Menschen mit Behinderung gearbeitet hat. „Für diese Arbeit muss man weder hebräisch, englisch oder deutsch sprechen. Auf englisch entgegne ich, dass die Kommunikation nicht verbal, sondern durch Liebe stattfindet. Durch ihren Blick erkenne ich, dass sie das Gleiche denkt.

Eine größere Hürde ist die Sprachbarriere zu den Pflegekräften, die oft nicht englisch sprechen. Die wichtigsten Worte findet man allerdings schnell heraus und schnell hagelt es Lob für die kleinste Mühe, hebräisch zu sprechen. Generell höre ich für Kleinigkeiten schnell ein „Toda“, „Thank you“ oder Dankeschön“ und werde häufig mit Küssen und Umarmungen von meinen Kollegen verabschiedet.

Jeden, der einen Monat freie Zeit erübrigen kann, kann ich nur dazu ermutigen, sich auf diese Erfahrungen einzulassen. Man kehrt so viel reicher nach Hause zurück.

Astrid